12 Tage (Doku) (Bundesstart)

Vorführungen:

  • Do, 21. Juni 2018 – So, 24. Juni 2018 um 17:00 Uhr
  • Di, 26. Juni 2018 – Mi, 27. Juni 2018 um 21:00 Uhr

Durch ein am 27. September 2013 in Kraft getretenes Gesetz müssen alle gegen ihren Willen eingelieferten Patienten in den psychiatrischen Kliniken Frankreichs innerhalb von zwölf Tagen von einem Haftrichter gehört werden. Für die Dreharbeiten zu diesem Film wurde dem Filmteam die Ausnahmegenehmigung erteilt, an diesen Anhörungen teilzunehmen. Um die Anonymität der im Film erscheinenden Personen zu gewährleisten, wurden Namen und Orte geändert.

„Der Weg vom Menschen zum wahren Menschen führt über den Wahnsinnigen.“
In der Vergangenheit lag die Entscheidung, einen Menschen gegen ihren oder seinen Willen festzuhalten, alleine bei den Psychiaterinnen und Psychiatern und wurde ohne Einholung einer zweiten Meinung gefällt. Auf diesem Wege wurden Geisteskranke und Wahnsinnige zu Patienten. Seit 2013, mit der Absicht, einen gesetzlichen Rahmen für diesen Freiheitsentzug zu schaffen, sind Psychiater gesetzlich dazu verpflichtet, alle Entscheidungen im Falle einer Zwangseinweisung innerhalb von zwölf Tagen einem Haftrichter zu überlassen. Wir sind die ersten, die die Umsetzung dieses Gesetzes filmen konnten und das Eindringen der Justiz in die psychiatrischen Institutionen, das bisher nur zum Feld der Psychiatrie gehörte, nun zu einem  öffentlichen Diskurs machen können. Dies geht uns alle an, denn es gibt nicht eine Familie oder einen sozialen Kreis, in denen es nicht mindestens eine psychisch anfällige Person gibt.

In Frankreich werden jährlich etwa 92.000 Frauen und Männer gegen ihren Willen in eine psychiatrische Klinik eingeliefert (das sind ca. 250 täglich). Die Kliniken haben ab dem Tag der Einweisung zwölf Tage Zeit, jeden Patienten vor einen Richter zu bringen, der ihr Programm der zwangsweisen Behandlung gutheißt – oder nicht. Zu den zweimal in der Woche anberaumten Anhörungen kommt ein Großteil der Patienten ins Vinatier Hospital in Lyon aus diversen Krankenhausabteilungen sowie aus einer Spezialabteilung für „schwierige“ Patienten, die für unfähig erachtet wurden, ihre eigenen Handlungen einschätzen zu können.

Die öffentlichen Anhörungen werden zwischen vier Richtern aufgeteilt, die in einer Runde sitzen. Zwei Frauen und zwei Männer mit deutlich unterschiedlicher Herangehensweise. Um den Patienten die Möglichkeit zu geben, offen über ihren Freiheitsentzug sprechen zu können, ist der zuständige Psychiater nicht anwesend. Zwangseinweisung ist immer ein Leidensweg, für diejenigen, die ihr unterliegen, diejenigen, die sie initiieren und diejenigen, die sie anordnen.

Wir filmten 72 Anhörungen und unsere Anteilnahme wuchs durch den Kontakt mit Patienten in großer Not, denen es trotzdem gelang, mit Würde und Einfühlsamkeit ihre Anliegen zu äußern. Im Grunde sind sie alle Menschen, die leiden. Ihre Worte sind von großem Wert, weder gestört noch wahnsinnig, sondern klar und kraftvoll und mit großer Sorge um ihre eigene Zukunft formuliert. 12 TAGE präsentiert zehn dieser Patienten.

Es befinden sich drei Kameras in dem Verhandlungsraum: eine für den Patienten, eine für den Richter und eine für die Totale. Dieser Ansatz erlaubt es uns, sowohl zum Patienten wie auch zum Richter eine Distanz zu wahren, eine dominante Sichtweise zu vermeiden und dem Zuschauer so zu ermöglichen, sich seine eigene Meinung zu bilden. Zwischen diesen Fragmenten der Anhörungen haben wir die Zeit stillstehen lassen, indem wir innerhalb und außerhalb der Klinikräumlichkeiten gefilmt haben, mit Patienten, die sich frei zwischen den einzelnen Gebäudeflügeln bewegen. Diese Bilder, die ich sanft und sehr genau definiert gestalten wollte, werden von Alexandre Desplats Filmmusik untermalt.

Pressestimmen

„Der große Dokumentarist kehrt in ’12 jours‘ zu seinem Thema Psychiatrie und Gesellschaft zurück. (…) Eine Auseinandersetzung mit Sprache, Paragrafen, Gutachten und persönlichem Leid.“ Der Standard

„In seiner nüchternen Direktheit einer der bewegendsten Filme des Festivals von Cannes überhaupt.“ Tim Caspar Boehme, TAZ